Das mythische Gedächtnis. Zur Dynamik und Tradierungsgeschichte germanischer Mythen (Abstract)


Von einer „germanischen Mythologie“ zu sprechen, ist recht unpopulär. Der Begriff „germanische Mythologie“ evoziert das Trugbild einer gemeingermanischen, homogenen und „uralten“ Mythologie, wie es seit Beginn der Germanenforschungen proklamiert wurde. Erst die Forschung nach der zweiten Hälfte des 20. Jh.s nahm es sich zur Aufgabe, die Germanenbilder zu korrigieren bzw. radikal zu dekonstruieren:  Immer mehr stellte sich heraus, dass nicht von den Germanen und der germanischen Religion und Mythologie gesprochen werden kann. Viel mehr zeigte sich ein ganz heterogenes Bild, welches mehr durch Unterschiede denn Gemeinsamkeiten gekennzeichnet ist; auch hat sich das Bewusstsein für die kritische Quellenlage der mythologischen Überlieferungen geschärft. Das Feld „germanische Mythologie“ wird heute mit großer Skepsis betrachtet – und dies aus weiteren, guten Gründen.

 

Die germanischen Stämme waren mündlich organisiert. Die schriftlichen Quellen zur germanischen Mythologie - seien es Götter- oder Heldensichtungen, Dämonensagen oder Zaubersprüche - stammen aus einer seit mehreren Generationen christianisierten Kultur, also aus „fremder Feder“. Das Problem bei der Erforschung germanischer Mythologie liegt damit in der Identifikation ihrer Quellen: Die christlichen Niederschriften verraten nicht, ob es sich tatsächlich um Verschriftungen oder Verschriftlichungen original germanischer Erzählungen handelt; sie verraten ebenso wenig, aus welcher Zeit und aus welcher Gegend eine Erzählung gegebenenfalls stammt und in welchem Kontext sie von wem erzählt wurde. Streng genommen bedeutet dies, dass der Inhalt zweifelhaft ist, Entstehungsjahr sowie -ort unbekannt sind und auch, dass die Funktionen samt Erzählsituationen letztlich nicht zu klären sind. Die Tradierungsgeschichte der überlieferten mythologischen Stoffe und damit das Wissen um die Mythen selbst liegt auf Grund des kulturellen Wandels – von einer germanischen zu einer christlichen Kultur – und des medialen Wandels – von einer mündlichen zu einer schriftlichen Kultur – weitestgehend im Dunkeln. Die kulturelle Verortung und der Status der Überlieferungen zur germanischen Mythologie wurden und werden rege diskutiert: Sind diese Zeugnisse in erster Linie als germanische Mythen oder als christliche Niederschriften zu betrachten? Wie viel Originalität steckt in ihnen bzw. wie stark wurden sie bearbeitet? Wie ist das Verhältnis von „schriftlichen Kopien“ und „mündlichen Originalen“?

 

Durch die philologischen und literaturwissenschaftlichen Annäherungsversuche einer Datierung einzelner Texte scheint sich der Problemkomplex weiter zu verhärten: Die schriftlich fixierten Texte erweisen sich nach kulturellen und begrifflichen Merkmalen als Zeugnisse der Christianisierungszeit und nicht als vorchristliche Mythologie. Hinsichtlich dieser zeitlichen Einordnung der jeweiligen Texte ist es nachzuvollziehen, dass die philologischen und literaturwissenschaftlichen Forschungen zu den „Mythen der Germanen“ und zur germanischen Erzähltradition mit aller Vorsicht oder gar misstrauisch formuliert sind.

 

Was geschieht jedoch, wenn man nicht nach der Datierung des Einzelnen fragt, sondern nach der Dynamik des Ganzen? Wenn man nicht nach der Entstehungszeit eines bestimmten Mythos fragt, sondern nach Kontinuitäten und Variabilitäten des überlieferten mythologischen Gesamtkomplexes? Die einzelnen Texte also nicht als isolierte Werke versteht, sondern als Momentaufnahmen einer Tradierungsgeschichte germanischer Mythologie, die nicht mit der Christianisierung endet, vor allem aber nicht mit ihr beginnt? So sollte der Umstand, dass die Überlieferungen doch im Wesentlichen germanische Erählstoffe - keine christlichen - tradieren, nicht übergangen und stets mit Nachdruck auf die christlichen Elemente verwiesen werden. Eine solche Betrachtung, wie sie in der Dissertation vorgenommen wird, spitzt sich in der Frage zu: Wie steht es um das mythische Gedächtnis "der Germanen"?